Seid umschlungen, Millionen!

Eine utopische Ballnacht – ein futuristischer Tanzball

Uraufführung von Liquid Loft und PHACE: 1. März 2025
REAKTOR (17. Bezirk)
Shows: 3. + 4. März jeweils 19:30 Uhr

„Die Zeit ist aus den Fugen“ – das Gestern tanzt sich mit dem Morgen warm. Eine „utopische Ballnacht“ steuern Liquid Loft und PHACE dem Festjahr Johann Strauss 2025 Wien bei – eine im Geiste des Komponisten gehaltene Etüde in Esprit und Euphorie. Strauss, Wiens Walzerkönig, komponierte sein Tanzstück Seid umschlungen, Millionen! 1892: zehn Minuten des Überschwangs, des Idealismus und der Weltversöhnung. Die Jahrhunderte überspannt auch die freie musikalische Bearbeitung des Strauss’schen Spätwerks, in der elektronisch Präpariertes sich mit Live-Musik verbindet. Menschen tanzen und musizieren, Klang und Bewegung werden eins im Ballsaal des historischen Futurismus. Der Titel des Walzers geht auf Friedrich Schillers Ode An die Freude zurück, auf ein Gedicht, in dem der Traum von einer „beßren Welt“, einer Demokratie des Götterfunkenflugs, intakt ist: Dieser Kuss gehört, wie Schiller vorschlägt, der ganzen Welt.

Man sollte sich, wenn eine der Phantasmagorie zugeneigte Truppe wie Liquid Loft und das Neue-Musik-Ensemble PHACE gemeinsam ans Werk gehen, um die bald zweieinhalb Jahrhunderte alte Kulturform des Walzers weiterzudenken, keine der handelsüblichen Sentimentalitäten, keine wohlfeilen Retro-Gesten und keine fidelen Dreivierteltaktiken erwarten.

Der Begriff des „Gesellschaftstanzes“, der dem Walzer anhaftet, wird in diesem Zusammenhang unerwartet produktiv, denn die sozialen – und damit politischen – Aspekte scheinbarer Unterhaltungs- und Vergnügungstechniken sind hier von hervorgehobener Bedeutung: Es geht in den dunklen Szenenfolgen um Autoritäts- und Klassenverhältnisse, um eine assoziative Analyse der von Michel Foucault ausgerufenen „Mikrophysik der Macht“, des unseligen Zusammenspiels alltäglicher, auf Subjekt und Körper wirkender Zug- und Druckkräfte. Man bespielt eine Galerie der Wunsch- und Angstbilder, anschließend einen Ballsaal der Sinnestäuschung: In den Bildräumen dieses Abends wird eine Reihe von Wahrnehmungsexperimenten vollzogen. Die Bilder kippen, in aller Ruhe, von ihren mysteriösen Soundtracks nicht so sehr begleitet, als vielmehr kühl seziert. Die Kunstsparten greifen indes ineinander, mischen sich im Sog einer Choreografie und Kino, Skulpturales, Malerisches und Musikalisches planvoll durcheinander wirbelnden Inszenierung.

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Immer wieder erstarren die Tänzerinnen und Tänzer, jede und jeder für sich (und Gott gegen alle), im Licht einsamer Spots und oft bestrahlt von exquisit-trivialen Projektionen zu stand-alones, zu freistehenden – besser vielleicht: unfrei stehenden – Körperschaubildern, die Gesichter unvermittelt in maskenhafte Porträts verwandelt.

Die Entrückung ist eine Grundlage dieser Arbeit, emotional und formal: Dem Übertritt von einer Sphäre in die jeweils übernächste wohnt etwas Gespenstisches inne, aber der Staffellauf der Geschichte, der Sprint durch die beiden vergangenen Jahrhunderte, der auch von der Walzerzerstreuung bis zur Massenvernichtung führt, sorgt für die Dauermobilisierung der in Schwarz und Weiß und grobem Korn, in den Endlosschleifen der frühen Kinematografie bewahrten Phantome. Im Befremdlichen sind wir daheim: im Unheimlichen, das – siehe Freud – länger schon als Destillat aus Vertrautem und Verdrängtem, aus dem Anheimelnd-Heimeligen und dem Heimlichen, verborgen Gehaltenen gelten darf.

So ist diese musikalische Performance auch als existenzielles Stück zu lesen, das davon berichtet, wie mit dem Walzer – links, Mitte, rechts – und also mit der Walze, mit Verve und Rotation, mit Wirbel und Wiederholungszwang reiner Tisch gemacht wird, wie da alles abgeräumt, ruiniert oder eben, je nach Perspektive, ein Befreiungsschlag durchgeführt wurde (und wird), der bereit machte für Neues. Und da sind sie wieder, die alten Zug- und Druckkräfte: der Sog, die Drift, die Unterströmung, die ins Dunkle, unaufhaltsam abwärts zieht. Die Form, die eine solche Subgeschichte annehmen muss, ist feinnervig, notgedrungen verletzbar. Was wären kontemporäre Wahrnehmungsexperimente ohne Risse in der Oberfläche? Undenkbar. Die Zeit ist brüchig, ihre Kunst ist es auch. (Stefan Grissemann)

Eine Produktion von Liquid Loft und PHACE im Auftrag von Johann Strauss 2025 Wien in Kooperation mit REAKTOR.

Mehr Infos > Johann Strauss 2025 Wien

03.03.2025 - 04.03.2025

REAKTOR (Wien, 17. Bezirk)

01.03.2025 (premiere)

REAKTOR (Wien, 17. Bezirk)

dates

Ackermann Petra, Viola
Alcaraz Clemente Manuel, Schlagwerk
Baio Luke, Tanz/ Choreografie
Berger Andreas, Komposition/ Soundkonzept
Diaz Valentina, Social Media
Dong Uk Kim, Tanz/ Choreografie
Fuchs Reinhard, Künstlerische Leitung Phace
Grissemann Stefan, Text
Haring Chris, Künstlerische Leitung/ Choreografie
Harrer Roman, Stage Management
Herterich Verena, Tanz/ Choreografie
Jelinek Thomas, Licht Design/ Scenografie
Lehner Cornelia, Companie Management
Loizenbauer Michael, Video
Meves Katharina, Tanz/ Choreografie
Murillo Dante, Tanz/ Choreografie
Nicoletti Doris, Flöte
Nowak Anna Maria, Tanz/ Choreografie
Obmann Stefan, Posaune
Ölz Maximilian, Kontrabass/ Gitarre
Röhrle Stefan, Kostüme
Schueler Roland, Cello
Thaler Judith, Produktion
Timbrell Hannah, Tanz/ Choreografie

 

Liquid Loft wird gefördert von der MA7 Kulturabteilung der Stadt Wien und dem Bundesministerium für Kunst, Kultur, Öffentlicher Dienst und Sport.

credits

Utopischer Walzerrausch mit Liquid Loft und Phace
Liquid Lofts und Phaces Stück „Seid umschlungen, Millionen!“ als Teil des Programms von Johann Strauss 2025 im Reaktor
Helmut Ploebst, DerStandard 27.2.2025

Dieses Jahr widmet die österreichische Kultur der Strauß-Gedenkarbeit. Denn Johann Strauß, dem Sohn, verdanken wir abglanzverwöhnten Ex-Kakanier die beliebtesten Walzer auf der ganzen Welt. Einen davon, An der schönen blauen Donau, verwendete der Filmregisseur Stanley Kubrick in seinem 1968 entstandenen Science-Fiction-Klassiker 2001: A Space Odyssey für das Tanzduett eines Raumgleiters mit einer Raumstation. Jetzt, mehr als ein halbes Jahrhundert später, setzt das Wiener Tanzensemble Liquid Loft auf einen anderen Strauß-Walzer: Seid umschlungen, Millionen! Diesen idealistischen, Schillers Ode an die Freude entnommenen Titel trägt auch das unter der Leitung des Choreografen Chris Haring produzierte Stück. Es wird am Freitag im Wiener Reaktor (vormals Gschwandner) uraufgeführt: als „utopische Ballnacht“ und „futuristischer Tanzball“ in Kooperation mit dem Musikensemble Phace.

Ein gemeinsamer Tanz
Den vom andauernden Umschlungenwerden – etwa in der Werbung und bei Wahlkämpfen – heute schon gut ausgepressten Millionen stehen in Liquid Lofts Stück Gestalten entgegen, die vor allem alleine herumstehen. Stand-alone heißt diese von Haring gern eingesetzte Figur, der 2019 eine eigene Performance-Installation im Leopold-Museum gewidmet war. Am Ende des Allein-Herumstehens gab es damals doch einen gemeinsamen Tanz. Das war ein utopischer Aspekt, denn menschliche Gemeinschaft ist ja immer nur im Kommen. Vielleicht berühren Liquid Loft und Phace in ihrem alles andere als bloß walzerseligen Seid umschlungen, Millionen! mit den Stand-alones hier einen Gedanken, den der italienische Philosoph Giorgio Agamben 2001 in seinem Buch La comunità che viene äußerte: „Das kommende Sein ist das beliebige Sein.“ In diesem wäre jede sogenannte Identität, jegliche „Zugehörigkeit“ egal: „Eine Singularität, die als solche ausgestellt wird, ist beliebig, d. h. liebenswert.“ Als solche liebenswerten Singularitäten können Harings Stand-alones ohne weiteres verstanden werden.

Dystopische Effekte
Damit würde im Rahmen dieser von Strauß inspirierten zeitgenössischen Choreografie eine Idee erkennbar, die jeglicher Identitätsideologie diametral entgegensteht. Und der atemraubende, in gewissem Sinn durchaus dystopische Effekt der Umschlingung fiele weg. Phace verspricht auch, dass der Walzerkönig nicht die einzige musikalische Identität im Stück sein wird, sondern Gesellschaft bekommt: mit Gegenwartskompositionen des Italieners Lorenzo Troiani, des Franzosen Pierre Jodlowski, des Österreichers Christoph Herndler und Musikschaffender dieses fabelhaften Wiener Ensembles. In einem solchen „Ballsaal des historischen Futurismus“, wie es gewagt in der Ankündigung heißt, könnte so eine neue Anbindung an unsere Kulturgeschichte entstehen, die das europäische Selbstbewusstsein anspricht. Das Publikum kann sich übrigens während der Aufführung frei bewegen wie in einer Ausstellung.

 

UTOPISCHE BALLNACHT IM REAKTOR
Walzer-Zerstreuung und Massenvernichtung
Karlheinz Roschitz, Kronen Zeitung, 1.3.2025

„Die Zeit ist aus den Fugen“, sagt Chris Haring (54), prominenter, mit dem Goldenen Löwen der Tanzbiennale von Venedig ausgezeichneter Choreograf aus dem Burgenland. Ausgebildet bei Merce Cunningham & Alwin Nikolais in NewYork und bei Nigel Charnock in London, gründete er 2005 seineTruppe Liquid Loft, die seither Stargast an den führenden Häusern Europas, Asiens und der USA ist.
Ab heute, Samstag, lädt Haring in denWiener Reaktor zur „utopischen Ballnacht“, mit der Liquid Loft des 200.Geburtstages von Johann Strauss gedenkt. Als Titel des futuristischen Projekts wählte er „Seid umschlungen, Millionen“, einen Walzer, den Strauss 1892 komponierte und den das Ensemble für Neue Musik PHACE elektronisch bearbeitete. Haring führt in eine Galerie erschreckender Wunsch- und Angstbilder, einen Ballsaal der Sinnestäuschungen, in Räume, in denen die vom Philosophen Michel Foucault inspirierten Bilder einer „Mikrophysik der Macht“ umkippen.

Eine fantastische Installation aus Architektur, Video, Sound, Texten von Stefan Grissemann, in der die Zeit aufgehoben und der Zuschauer „entrückt“ zu werden scheint. „Ein Stück zwischen Walzerzerstreuung und Massenvernichtung.“

 

Liquid Loft und PHACE: „Seid umschlungen, Millionen!“
Rando Hannemann, tanz.at  15.3.2025

Immersion ist beinahe eine Mode geworden. Einbezogen zu sein, Teil einer künstlerischen Intervention zu werden, zielt auf eine nicht nur performative Beteiligung des Publikums. Dass wir alle inmitten einer von historisch-politischen Wiedergängern und hoch wirksamen Narkotika geprägten Zeit leben, zeigen die Wiener Tanz-Kompanie Liquid Loft und das Ensemble für Zeitgenössische Musik PHACE in ihrer anlässlich des 200. Geburtstages von Johann Strauß Sohn entstandenen Kooperation eindrücklich. Das ehemalige „Gschwandtner“, der heutige Reaktor Wien, erlebte seine Blütezeit im 19. Jahrhundert als ein berühmtes Hernalser Vergnügungs-Etablissement. Bälle, Gesang und Konzerte lockten vor allem in den letzten beiden Dekaden die Menschen in diesen Prachtbau. Zu jener Zeit, 1892, komponierte Johann Strauß seinen 10-minütigen Walzer „Seid umschlungen, Millionen!“, inspiriert von Schillers „Ode an die Freude“ und Titel gebend für diese hier im Rahmen von „Johann Strauss 2025 Wien“ uraufgeführte Arbeit.
Formell und inhaltlich hineingegossen in den Reaktor mit seiner imposanten Säulenhalle, einem Kinosaal und einer ehemaligen Bibliothek (dem kleinsten der drei Räume) mit leeren Regalen und einer aufwärts (und wohin?) führenden Wendeltreppe haben die zwei Ensembles ihr gemeinsames, etwa 70-minütiges Stück. Dem Publikum tragen sie auf, sich frei in den drei gleichzeitig bespielten Räumen und in den jeweiligen, sich ständig verändernden Settings zu bewegen und somit aus räumlich und zeitlich partiellen Eindrücken ein individuelles, weil immer unvollständiges, Gesamtbild der Performance zu generieren.

Unter der künstlerischen Leitung von Chris Haring entstand eine „utopische Ballnacht“, wie Stefan Grissemann in seinem Begleittext formuliert. Und ebenso: „Die Zeit ist aus den Fugen.“ Beides, die damaligen, in Schillers Text und der Strauss’schen Komposition euphorisch formulierten, idealisierenden Träume von einer sich zum Besseren wandelnden Welt, und die Qualität der unsrigen Zeit mit ihren Krisen und Kriegen, fügen die Schöpfer dieser Arbeit zusammen und ineinander. Der Kitt dafür: Die europäische und Welt-Geschichte der letzten 130 Jahre.

Utensilien von inzwischen längst verstorbenen, imaginierten Besuchern von einst, glitzernde Kleidungsstücke, bunte Hemden, zierende Schals, Täschchen, Ketten und Schmuck, werden am Boden drapiert, ihr Arrangement oft verändert und an die Wände projiziert. Lebende Skulpturen in den Bildern, die PerformerInnen (sieben TänzerInnen und sieben MusikerInnen) stellen Körper und Instrumente in die Projektionen, und Fotos und Videos von vor vielen Jahrzehnten stattgefundenen Menschen-Ansammlungen an Wänden und Decken senden Historisches ins Heute. Sie lassen so die bewegte Geschichte des Gschwandtner durch die Halle geistern. Die Atmosphäre der Performance jedoch ist fern jeder Lustbarkeit. Die kühle, trotz aller Bewegung statische Ästhetik der Bilder und der Sound, ein Gemisch von elektronischen Klängen und live gespielten Instrumenten, setzen das Jetzt deutlich von einer untergegangenen Welt ab. Und bindet die historischen Situationen gleichzeitig politisch. Was damals bevorstand, scheint als Schatten auch heute über der Zeit zu liegen. Das Lichtdesign von Thomas Jelinek spart gehörig mit dem Gegenstand seines Handwerks.

Andreas Berger (Komposition und Soundkonzept) verschränkt elektronische und live gespielte Instrumental-Klänge zu einem faszinierend organischen, perfekten Ganzen. Er führt diese Performance mit seiner Musik durch die Zeit seit der Entstehung des Strauss’schen Walzers. Die damalige Jahrhundertwende mit ihren bald folgenden Revolutionen, der Erste Weltkrieg, die fundamentale Zerrüttung aller Werte durch diesen, spürbar vor allem auch in der Kunst der Zwischenkriegszeit, die Große Weltwirtschaftskrise und der aufkeimende Faschismus, der Zweite Weltkrieg und die Zeit des Wiederaufbaus danach, die seit Jahrzehnten sich wieder verschärfenden politischen, gesellschaftlichen und ökologischen Krisen, all das macht er im Zusammenspiel mit den meisterhaften Instrumentalisten des Ensemble PHACE hör- und spürbar. Wer jedoch eine Feier in der Seligkeit des Dreivierteltaktes erwartet hatte, wurde enttäuscht.

Im Kino läuft „die Maschine“. Der Perkussionist Manuel Alcaraz Clemente reibt mit einer Bürste auf dem Fell einer Großen Trommel einen beständigen, im Hintergrund immer hörbaren Takt. Es ist der beunruhigende Klang jener geistigen und seelischen Mechaniken, die immer wieder Gleiches ermöglichen, in sich wandelnder Gestalt. Die Strukturen sind immer die selben. Ihre physischen und psychischen Manifestationen jedoch gaukeln mit ihren vielen Gesichtern Komplexität vor. Ja, es gibt auch Andeutungen von Walzer. Paarweise nur kurz. Ansonsten vergnügen sich die PerformerInnen allein, sogar walzernd. Auch hier zeigen sie auf ein Merkmal der (Post-) Moderne: Die Vereinzelung, Vereinsamung und Entfremdung des Individuums von der Gesellschaft. Ganz im Gegensatz zu den vergemeinschafteten Amüsements des ausgehenden 19. Jahrhunderts, hier nur noch als Film über Decken und Wände geisternd. Krieg, Rezession, Weltwirtschaftskrise, wieder Krieg. Einzelne, in kleinen Projektionen wie aus der Masse herausgeschnittene Gesichter erzählen von Elend und Leid damals. Aus den tänzerisch-performativen, musikalischen, video- und licht-technischen und textilen Fragmenten, hinein gearbeitet in dieses prunkvolle, geschichtsträchtige Gebäude, entsteht ein mit raumgreifender Metaphorik inszeniertes, konzentriertes Bild von Epochen und ihrem Nachhall in der Gegenwart, das mit seiner tiefen Melancholie Zukunft schon noch denken lässt. Deren Vision allerdings ist düster. Umbrüche, Kriege, Armut, Leid, Neuanfänge und trotz alledem Zerstreuungen. Die Musik von Strauss überlebt das alles. Wohl auch das jetzt in seinem Werden beobachtbare globale Unheil. Am Ende sendet das Chello, gespielt von Roland Schueler (Geigenbauer und Cellist), einzelne, durch Pausen voneinander abgesetzte vierstimmige, harmonische Akkorde in die Stille. Nichts passiert mehr. Nur im Kino läuft noch ein Schwarz-Weiß-Film von Vergnügungen und Vergnügten.

Der warme, schöne Klang trifft im Innern auf das Wissen um die Ignoranz von aktuellen Entwicklungen und historischen Parallelen, auf den Nachhall derGeschichte und dunkle Vorahnungen. Und macht aus der so vielgestaltig narkotisierbaren Sorge um die zersplitterte Welt ein tief erschütterndes Gefühl. Liquid Loft, PHACE und der Reaktor verschmelzen in „Seid umschlungen, Millionen!“ zu einer hoch brisanten, großartigen Arbeit voller historischer undGegenwarts-Bezüge, musikalisch, tänzerisch, performativ und mit der dunklen Atmosphäre die Macht und Wirksamkeit der Vergnügungen relativierend und voneiner von Liquid Loft bislang nicht gekannten emotionalen Gewalt. Die MusikerInnen von PHACE tragen Wesentliches dazu bei.

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