
HOLD&RESIST_a springrite
Die Gravitation wirkt nicht überall gleich. Im All sind wir schwerelos. In den zum delikat swingenden Ambientnoise der Metarock-Elektronikformation Radian in Szene gesetzten Versuchsanordnungen der Performancegruppe Liquid Loft wird das Potential des Körpers im Konflikt mit dem Diktat der Schwerkraft ausgelotet. Eine Pose überdehnen, die Erschöpfung ausreizen, eine Spannung aushalten, die den Naturgesetzen widerspricht. Politisch gesprochen: eine widerständige Haltung einnehmen, die erdrückenden Umständen und autoritären Tendenzen trotzt. Durchhalten, Standhalten, Position halten.
Hoffnung auf das Unwahrscheinliche, aber eben doch Mögliche bewahren: Davon handelt HOLD&RESIST_a springrite, eine vom donaufestival initiierte, erstmalige Kooperation von Liquid Loft und Radian. Die Arbeit verbindet erstaunliche, fast unmögliche Slowest-Motion-Kippfiguren mit kongenialen, feinstofflichen Klanggebilden, die von dynamischen Stop & Go-Passagen, mikrotonaler Verschiebungen und einem freigeistigen und zugleich konzentriertem Spiel zwischen Komposition und Improvisation geprägt sind.
Thomas Edlinger
Hold&Resist_a springrite
Halten, Innehalten, Aushalten, Durchhalten und Widerstehen, der Schwerkraft, die dem Körper sein Gewicht verleiht. Folgt die Bewegung noch dem Willen des Menschen, der diese im Tanz so frei wie kontrolliert an seine Grenzen bringt – so abstrakt, als würde es keiner Kraft und Ausdauer bedürfen, der Schwerkraft zu entfliehen, so meldet sich diese dann doch zu Wort und zehrt an den Muskeln wie am Willen. Von Kämpfen ist die Rede, vom Kampf mit der Müdigkeit, vom Kampf gegen die Schwerkraft und vom Kampf mit der Konzentration. Was als Ausdrucksform mit dem Körper anhebt, entwickelt sich mit der Zeit zum Kampf mit dem eigenen Körper, der nicht mehr folgen will. Der Körper selbst widersetzt sich dem Willen und der Wille dem Körper, der nicht mehr gehorchen will. Die Muskeln beginnen zu zucken, zu vibrieren, fügen sich statt dem Willen der Willkür eines Körpers, der sich aufbäumt, nicht mit sich machen lässt, was ein Ich da so will.
Das Hold&Resist von Liquid Loft widmet sich diesen Zonen eines Übergangs vom Willen eines Ichs zum Eigenwillen des Körpers, der sich zurückzieht in ein Regime, in dem die Schwerkraft herrscht. In diesen Zonen des Übergangs entfaltet sich eine Balance zwischen gewollter Haltung und unwillkürlicher Bewegung, ein Tanz von Willenskraft und Willkür, die sich nicht mehr an die Intentionen hält. Die Spannung, die diese Balance in sich trägt, gilt weniger den angespannten Muskeln als dem Konflikt zwischen der Körperbeherrschung und der Eigenwilligkeit eines Körpers, der sich zu weigern beginnt, den Anweisungen eines Ichs zu folgen. Das Ich, das sich vermeintlich mit seinem Körper identifiziert und diesen als »mein Körper« sein Eigen nennt, kommt in diesen Passagen des Aushaltens, Durchhaltens und Widerstehens nicht umhin, die Grenzen auszuloten, wo sich genau dieser Körper dem Zugriff und der Kontrollierbarkeit entzieht. Was sich dann zeigt, ist ein Körper, der nicht nur nicht mehr gehorcht, sondern vielleicht dann auch niemandem mehr gehört: Ein Körper, der das disziplinierende Kulturgut abwirft und sich in die Anatomie der Schwerkraft zurückzieht und eine Bewegung vollzieht, die man mit Blick auf Thomas Pynchons Roman auch als »Gravitiy’s Rainbow« beschreiben könnte – mit den Worten von Elfriede Jelinek, die dieses Buch übersetzt hat, als eine Passage zwischen den »Enden einer Parabel«.
In diesem Projekt von Liquid Loft steht nicht nur die Kontrollierbarkeit des Körpers zur Diskussion, sondern auch ein Körperbegriff, der zwischen diesen beiden Enden eine Pendelbewegung zum Vorschein bringt, eine Parabel aus Eigenem und Enteignetem, aus Angeeignetem und Uneigenem. Wollte man den muskulären Regenbogen aufspannen, dann kämen viele Assoziationen zum Vorschein: Der Bogen eines Lebens, das man leben will, aber nicht mehr leben kann, der Bogen eines Aufbegehrens gegen alles, das nach unten zieht, und an seine Grenzen stößt, das Zusammenspiel zweier widerständischen Kräfte, ein Reigen aus Vormacht, Kritik und Fügung etc. Der Zusatz im Titel, der vom »Frühlingsritual« spricht, könnte über die klassische Anspielung an Strawinskys Frühlingsopfer oder »sacre du printemps« hinaus an das Ritual und damit an die unaufhaltbare Wiederkehr dieses Kampfes um Vormacht und Fügung denken lassen – an eine Passage zwischen Macht und Aufbegehren, die mit der Schwerkraft des Politischen untrennbar verbunden ist.
In der Erfahrung der bedingten Kontrollierbarkeit meldet sich ein Körperbegriff zu Wort, der mit der Zeit den kulturell oder politisch variablen Forderungen nicht mehr nachkommen will, sich weigert, den vorgestellten Bildern zu entsprechen. Diese Weigerung gilt auch den Vorstellungen eines überstrapazierten Ichs, das sich einem Körper fügen muss, der letztlich zwischen den verschiedenen Körpern nicht mehr unterscheiden will und eigentlich im Enteigneten eine Schwerkraft des Gemeinsamen und Sozialen aufblitzen lässt, eine Kraft, die allen Körpern eignet.
Andreas Spiegl
donaufestival krems, AT
donaufestival krems, AT
dates
Liquid Loft:
Chris Haring, Künstlerische Leitung, Choreografie
Andreas Berger, Komposition, Electronics, Spatialisierung
Coralie Bénard, Tanz/ Choreografie
Jackson Carroll, Tanz/ Choreografie
Lavignac François-Eloi, Tanz/ Choreografie
Katharina Meves, Tanz/ Choreografie
Hannah Timbrell, Tanz/ Choreografie
Thomas Jelinek, Szenografie/Stage Direction
Thomas Edlinger, Text
Roman Harrer, Stage Management
Cornelia Lehner, Company Management
Michael Loizenbauer, Foto/ Videodokumentation
Judith Thaler, Foto/ Dramaturgie
Valentina Diaz, Social Media
Stefan Röhrle, Kostüm
Mona Gablenz, Künstlerische Mitarbeit
Aldo Gianotti, Künstlerische Mitarbeit
Radian:
Martin Brandlmayr: Komposition, Drums, Percussion, Electronics
Martin Siewert: Komposition, Gitarren, Lapsteel, Electronics
Manu Mayr: Komposition, Bass