
HOLD&RESIST_a springrite
Die Gravitation wirkt nicht überall gleich. Im All sind wir schwerelos. In den zum delikat swingenden Ambientnoise der Metarock-Elektronikformation Radian in Szene gesetzten Versuchsanordnungen der Performancegruppe Liquid Loft wird das Potential des Körpers im Konflikt mit dem Diktat der Schwerkraft ausgelotet. Eine Pose überdehnen, die Erschöpfung ausreizen, eine Spannung aushalten, die den Naturgesetzen widerspricht. Politisch gesprochen: eine widerständige Haltung einnehmen, die erdrückenden Umständen und autoritären Tendenzen trotzt. Durchhalten, Standhalten, Position halten.
Hoffnung auf das Unwahrscheinliche, aber eben doch Mögliche bewahren: Davon handelt HOLD&RESIST_a springrite, eine vom donaufestival initiierte, erstmalige Kooperation von Liquid Loft und Radian. Die Arbeit verbindet erstaunliche, fast unmögliche Slowest-Motion-Kippfiguren mit kongenialen, feinstofflichen Klanggebilden, die von dynamischen Stop & Go-Passagen, mikrotonaler Verschiebungen und einem freigeistigen und zugleich konzentriertem Spiel zwischen Komposition und Improvisation geprägt sind.
Thomas Edlinger
Hold&Resist_a springrite
Wenn eine Gesellschaft darauf abzielt, alle Prozesse zu optimieren, um die Effizienz permanent zu steigern und ein Maximum an Gewinn herauszuholen, dann geraten alle Dinge oder Momente unter Druck, die von diesem Ziel abweichen oder deren Prämissen nicht erfüllen. Das entsprechende Vokabular dafür spricht von Fehlern, Mängeln, Störgeräuschen, Alterungsprozessen, Unberechenbarkeiten oder Leistungsdefiziten. Ausgemustert wird, was den besonderen Anforderungen nicht entspricht. Genau die Spuren dieser Aussonderungen sind aber das Material, das Liquid Loft und Radian für ihren künstlerischen Dialog in die Hand nehmen und gegen den Strich lesen. Den abfälligen Urteilen über den vermeintlichen Abfall setzen sie einen Akt des Widerständischen entgegen, der die vermeintlichen Mängel und Defizite zu künstlerisch aufbereiteten Protestnoten umformuliert.
Greift Radian auf ein reichhaltiges Soundarchiv zurück, für das sie alle möglichen Geräusche und akustischen Signale gesammelt haben, die man mit Stör- oder Nebengeräuschen assoziieren würde oder mit einem Ausfall, der sich im Gewand einer Pause oder Stille zu Wort meldet, so setzen Liquid Loft diesmal auf eine Choreografie der Grenzen körperlichen Durchhaltevermögens – auf einen Körper, der sich weigert, den tänzerischen Anforderungen nachzukommen: Wenn die Muskeln zu zucken beginnen, eine Figur oder Pose nicht länger halten können, meldet sich die Schwerkraft zu Wort. Diese kennt keinen Unterschied zwischen den Körpern: Gleich welchen Geschlechts, Alters oder welcher Herkunft setzen sich die Körper über alle Ansprüche hinweg, die meinen, auf alle Ewigkeit durchhalten zu können. An diesen Grenzen des Standhaltens erscheint eine Körpersprache über alle Sprachgrenzen hinweg: Ein sozialer Körper, der alle Unterscheidungen und Identitätsdifferenzen hinter sich gelassen hat. Wie die Schwerkraft keine sozialen Unterschiede kennt, so auch die Müdigkeit, die dann die Regie übernimmt und eine Choreografie von Bewegungen zum Vorschein bringt, nach der die Körper selbst bestimmen, was sie tun wollen oder nicht. Paradoxerweise erscheint gerade an den Grenzen der körperlichen Kontrollierbarkeit ein uns allen gemeinsamer Körperbegriff, der sich gegen eine Ökonomie der Optimierung ausspricht.
Im Dialog mit diesen Grenzbegehungen von Liquid Loft setzen Radian auf die Qualitäten von Klängen und Geräuschen, die üblicherweise vermieden oder ausgeblendet werden sollen. Entkoppelt von ihrer jeweiligen Herkunft emanzipieren sich diese Geräusche von ihrer Benennbarkeit und semantischen Zuordnung. Wenn deren Stücke oder »Nummern« eine Geschichte erzählen, dann ist es das Narrativ der Abstraktion – buchstäblich das Abziehen und Freisetzen von Geräuschen und Klängen aus ihrem (dis-)funktionalen Zusammenhang. Losgelöst aus den vermeintlichen Feldern der Fehlfunktionen oder Nebengeräusche werden diese im Horizont elektroakustischer Partituren miteinander in Beziehung gesetzt, um die Räume jenseits musikalischer Grenzziehungen auszuloten.
Im Dialog von Liquid Loft und Radian entstehen tänzerisch-musikalische Grenzübergänge, die an den Grenzen der jeweiligen Genres und Disziplinen genauso zerren wie an den Optimierungsphantasien einer weltfremden Ökonomie. Mit ihrer Herkunft aus den Zuweisungen zu Mängellisten, Defiziten und Feldern des Scheiterns sprechen die Materialien und Choreografien dieses künstlerischen Dialogs von einer Welt, die buchstäblich aus Fehlern lernt und diese nicht als Schwächen oder Defizite ausblenden will.
Andreas Spiegl
donaufestival krems, AT
donaufestival krems, AT
dates
Liquid Loft:
Chris Haring, Künstlerische Leitung, Choreografie
Andreas Berger, Komposition, Electronics, Spatialisierung
Coralie Bénard, Tanz/ Choreografie
Jackson Carroll, Tanz/ Choreografie
Lavignac François-Eloi, Tanz/ Choreografie
Katharina Meves, Tanz/ Choreografie
Hannah Timbrell, Tanz/ Choreografie
Thomas Jelinek, Szenografie/Stage Direction
Roman Harrer, Stage Management
Cornelia Lehner, Christina Panholzer Company Management
Michael Loizenbauer, Foto/ Videodokumentation
Judith Thaler, Foto/ Dramaturgie
Valentina Diaz, Social Media
Stefan Röhrle, Kostüm
Andreas Spiegl, Text/ Probenbegleitung
Mona Gablenz, Probenbegleitung
Aldo Giannotti, Probenbegleitung
Radian:
Martin Brandlmayr: Komposition, Drums, Percussion, Electronics
Martin Siewert: Komposition, Gitarren, Lapsteel, Electronics
Manu Mayr: Komposition, Bass