blue moon you saw...

In BLUE MOON you saw … befinden sich die Charaktere von Liquid Loft in einer Welt der ständigen Gegenwart. Es ist eine Welt, die sich in jedem Augenblick selbst genügt, die jede Zuflucht zur Erinnerungen unmöglich macht. In dieser Welt finden sich posthumanistische Denkansätze und visuelle Bezüge zur Nouvelle Vague. Auf der Suche nach verlorenen kulturellen Referenzen schlittert Liquid Loft dabei durch Rituale, die keiner offensichtlichen Liturgie folgen und stößt auf die Ambivalenz der Verweigerung und die Poesie der Distanz. Die solistischen Kompositionen aus der Vorgängerarbeit Stand-Alones ( polyphony ) verbinden sich mit der entrückten Atmosphäre von Alain Resnais’ FilmklassikerLetztes Jahr in Marienbad und Elvis Presley’s Interpretation eines Songs, der die Sehnsucht nach Verbundenheit als Romantik des Alleinseins feiert: Blue Moon.

Eine Choreografie der Vereinzelung wird hier durchgespielt, eine speziell koordinierte Isolation in der Gruppe. Die Charaktere stehen für sich, sind zusammen allein, halten dringend Abstand voneinander: Im Dis-Tanzpalast sind die Räume verteilt und die Fronten geklärt. Die solistischen Kompositionen aus der Vorgängerarbeit Stand-Alones (polyphony) verwandeln sich in der jüngsten Liquid-Loft-Produktion in ein Ensemblestück zurück, in dem jedoch Wert auf Autonomie und Bewegungsfreiheit gelegt wird. Die Figuren existieren in gegenseitiger Zuwendung, scheinen aber aus unterschiedlichen Zeitschichten und Dimensionen zu stammen; im Miteinander entsteht ein neues Nebeneinander.

Ein filmisches Enigma ist die Basis dieses Abends: Alain Resnais’ Trance-Klassiker L’année dernière à Marienbad / Letztes Jahr in Marienbad (1961) gibt den Rhythmus und die Dynamik des Spiels in Blue Moon You Saw ….vor. Marienbad ist das Drama einer sozialen Lähmung, einer Erstarrung in kalter Schönheit. Menschliche und steinerne Standbilder vegetieren in einer auf Posen und Routinen reduzierten Welt nebeneinander. Der Film handelt von amourösen Manövern und der Unzuverlässigkeit der Erinnerung, von Eifersucht und Machtspielen, von Imagination und Fiktion, vielleicht auch: vom Jenseits, vom Reich der Toten und von unversehens wieder auftauchenden Phantomen. Marienbad ist eine Widerrede, eine Gegenthese zu den Vorlieben der noch jungen Nouvelle Vague, eine Art Einspruch zu Godards Jump-Cuts und Truffauts narrativem Klassizismus, zur revolutionären Geste und zur politischen Zuspitzung. Resnais’ geisterhaftes Society-Melo ist den Stoffen und Formen der jungen Hipster der Neuen Welle meilenweit entrückt – wenn es auch ein spannendes Double-Feature mit Godards späterem Meisterwerk Le mépris (1964) ergäbe, das über eine ähnliche Sujetkonstellation verfügt; eine Frau zwischen zwei Männern, die um die Macht ringen: zwei Produktionen über Existenz und Kino, die eine bunt, analytisch und ironisch, die andere in glitzerndem Schwarz und Weiß, geheimnisvoll verschattet.

Jede der auftretenden Gestalten in Blue Moon You Saw … spult ihr Programm, ihre ganz eigenen Prozesse ab, gleichsam in Endlosschleife, vernarrt in die Sicherheit der Wiederholung. Dabei sind sie freigestellt: Die Weite des Raums zwischen den Körpern ist entscheidend, überlebenswichtig. Die Welten, die zwischen ihnen entstehen, erscheinen fremd: Die Strenge der von ihnen vollzogenen Rituale wird durch die Sprunghaftigkeit der Motivwechsel noch kryptischer; diese fremden Individuen treffen virtuell aufeinander, jenseits von Zeit und Raum.

Die Alleinstehenden tragen keine Träume in ihren Herzen, denn sie sind ohne Liebe, so will es der zartbittere Rodgers-&-Hart-Schlager „Blue Moon“; aber Traum und Romanze sind nicht alles, denn stand-alones sind auch, diesem Begriff entsprechend, frei, selbst- und eigenständig. Sie suchen Gesellschaft, aber sie brauchen sie nicht. Die Hoffnung lebt, die Verlassenheit birgt eine Chance. Der Blue Moon ist etwas Rares, bei aller Traurigkeit auch Kostbares, davon zeugt die englische Redewendung „Once in a blue moon“. In einem Jahr mit 13 Monden strahlen die Nächte heller als üblich.

Zwei Songs aus einer versunkenen, kaum noch erinnerten Welt geben diesem Projekt einen zusätzlichen Rahmen – beide Stücke sind berühmt, aber gleichsam körperlos, entkoppelt von den dunklen Zeiten, aus denen sie stammen: Neben dem titelgebenden „Blue Moon“, einer Komposition von 1934, kommt hier eine Country-Hymne zum Einsatz, die Hank Williams mit seinen Drifting Cowboys 1949, als B-Seite einer Single veröffentlicht hat. „I’m So Lonesome I Could Cry“ ist eine Lektion in emotionaler Ambivalenz: Feelgood-Musik über das Leiden, eine sanft beschwingte Hymne an die Natur, die Einsamkeit, an die Melodieseligkeit und die Todtraurigkeit. Der Mond hat auch in diesem Lied seinen festen Auftritt: „I’ve never seen a night so long / When time goes crawling by / The moon just went behind the clouds / To hide its face and cry”. In den langen Nächten, wenn die Zeit fast stillzustehen scheint, zieht sich auch der Mond in seine harmonische Traurigkeit zurück.

„Blue Moon You Saw …“ nimmt einen Lieblingstopos im Werk von Liquid Loft wieder auf: den Maschinenmenschen. In einer Gesellschaft, die wie ferngesteuert agiert, im Zwischenreich der Untoten, sind die Menschen nur noch bewegte Skulpturen, geben rätselhafte Zitate von sich, sind Schatten ihrer selbst. Sie spielen Szenen aus der Ära des Posthumanismus durch, in der Glück und Unglück bis zur Ununterscheidbarkeit nahe beieinander liegen. An die alle paar Minuten jäh kippenden Stimmungen sind sie gewöhnt, sie nehmen diese stoisch hin. Diese transmenschlichen Figuren sind künstliche Intelligenzen, Protagonisten einer fantasierten „Wirklichkeit“.

Der versunkene Ton, der sich durch die träumerische Musik und die entrückten Filmdialoge herstellt, bereitet den Sprung zwischen den Zeiten vor: Es geht um Erinnerungen, Visionen, Wunsch- und Angstbilder. Die Selbstvergessenheit der handelnden Personen ist auf die Gegenwart bezogen. Es ist, als wären sie in lange zurückliegenden Zeitschichten abgetaucht, um an Erinnertes, Verschüttetes zu kommen; nur das ins Körpergedächtnis für immer und unauslöschlich Eingeschriebene hält sie weiter in Bewegung. Sie kommentieren Unsichtbares (oder agieren nach unbekannten Stimuli), sie murmeln, flüstern, klagen, lachen, und sie brüllen lautlos.

Alain Robbe-Grillet, Vertreter des Nouveau Roman, hat das Drehbuch zu Marienbad verfasst. Inspirieren ließ er sich dabei von einem Roman, den der argentinische Schriftsteller Adolfo Bioy Casares 1940, mit 25 veröffentlicht hatte. Jene surrealistische Erzählung, genannt La invención de Morel, dreht sich um einen Mann, der auf der Flucht vor der Justiz auf eine abgelegene Insel gerät, wo er eine sich die Zeit vertreibende Luxusgesellschaft entdeckt, die in aus der Zeit gefallenen Kostümen und in wiederkehrenden Riten dem Müßiggang frönt. Die Menschen nehmen von ihm keinerlei Notiz. Sie sind bloß dreidimensionale, „lebensechte“ Aufzeichnungen – festgehalten von einer Maschine, die (sinnlicher als das Kino) auch Gerüche fixieren kann. Morels Erfindung gilt als eines der ersten Beispiele einer genuin südamerikanischen Science-Fiction, es ahnt bereits die digitale Technologie der Virtuellen Realität voraus. Auch Blue Moon You Saw… strebt implizit auf den Punkt zu, an dem die Körper sich aufzulösen, zu verschwinden beginnen –  und in der Welt der Schlagschatten, der sie sanft übergeben werden, glückselig verloren gehen.

Stefan Grissemann

10.10.2020

ImPulsTanz Vienna International Dance Festival, AT

09.10.2020

ImPulsTanz Vienna International Dance Festival, AT

08.10.2020

ImPulsTanz Vienna International Dance Festival, AT

07.10.2020

ImPulsTanz Vienna International Dance Festival, AT

06.10.2020 (premiere)

ImPulsTanz Vienna International Dance Festival, AT

dates

Tanz, Choreografie: Luke Baio, Stephanie Cumming, Dong Uk Kim, Katharina Meves, Dante Murillo, Anna Maria Nowak, Arttu Palmio, Hannah Timbrell
Künstlerische Leitung, Choreografie: Chris Haring
Choreografische Assistenz: Stephanie Cumming
Komposition, Sound: Andreas Berger
Licht Design, Szenografie: Thomas Jelinek
Theorie, Text: Stefan Grissemann
Stage Management: Roman Harrer
Foto- und Videodokumentation: Michael Loizenbauer
Internationale Distribution: APROPIC – Line Rousseau, Marion Gauvent
Company Management, Produktion: Marlies Pucher

Eine Koproduktion von Liquid Loft und ImPulsTanz Vienna International Dance Festival.
Première am 6. Oktober im Rahmen des ImPulsTanz Specials im Odeon Theater Wien. 

Liquid Loft wird gefördert von der Kulturabteilung der Stadt Wien (MA7) und dem Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport (BKMÖS)

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