diese körper, diese spielverderber

“…diese vortelematischen Teilnehmer am telematischen Spiel werden, da nicht völlig eliminierbar, gegen den Horizont des Blickfelds gedrängt werden müssen, gegen den Rücken der auf Bildschirme starrenden Spieler. Und diese Berücksichtigung der Körper, diese Rücksicht auf sie, diese Sicht zurück auf vortelematische Zustände wird sie immer kleiner, immer uninteressanter erscheinen lassen. Sie werden schrumpfen, […] Dass wir die Körper, inklusive unserer eigenen, zu verachten beginnen und dass wir auf Punkte, inklusive unserer Fingerspitzen, zu achten beginnen, dass wir unser Interesse von unseren Bäuchen und Geschlechtsorganen einerseits und von den Volumina um uns herum andererseits auf unsere einbildenden Antennen verschieben, das ist das Zerebrale an der emportauchenden Gesellschaft.” Vilém Flusser

 

Ein Doppelorganismus im Krieg mit sich selbst, ein androgyner Gecko taucht auf und teilt sich in zwei hungrige Körper-Junkies, lüstend nach realer Existenz. Eine Reminiszenz an Platons „Symbosion“: als Menschen noch Kugeln waren, bevor sie in zwei geschnitten wurden, weil sie zu arrogant geworden waren. Die technische Welt repräsentiert plötzlich den archaischen Kosmos an den uns die Projektion erinnert. Doch nun wollen unsere Junkies selbst sie Bewohnen, ihre tragisch-spitzen Licht-Tore hinter sich lassen, und sanft in die kosmische Umlaufbahn eintreten. Nur die atmenden Umrisse bleiben zurück. Linien aus Licht am Schulterrand und den Armen. Wie im Conturismo, wo die Vorliebe für reine Umrisse die pure Idee repräsentiert.

Vorher stand sie da, wie die durch und durch narzissistische Statue ihrer selbst, ihre Augen vom Verlangen  gefoltert, sind nach dem Beamer-Himmel gerichtet. Dies ist eine seltsame Wiederkehr von El Greco’s flüssigen Augen die aus den Augenhöhlen fließen. El Greco in einem anderen künstlichen Licht. El Greco – El Gecko. Welche Droge ist das nun? Der Körper, der uns zu stören schien, da er als unwillkommener Widerstand in der Virtuellen Welt verbleibt? Oder das körperlose Licht des Projektionsapparats?

25.06.2006

Fronta Festival, Murska Sobota, SL

26.10.2004

VOEST Linz, Austria

22.07.2004 (premiere)

ImPulsTanz Vienna International Dance Festival, AT

dates

Performance: Stephanie Cumming, Chris Haring
Choreografie: Chris Haring
Sound Design: Glim
Video: Oliver Bokan
Dramaturgie, Licht Design: Thomas Jelinek
Text: Katherina Zakravsky
Kostüme: Max Wohlkönig
Konzept: Chris Haring, Katherina Zakravsky
Produktions Assistenz: Maria Derntl

credits

APA, 23.07.2004

/ Birgit Lehner

Dass Tanz eine Disziplin auf der Höhe des aktuellen philosophischen und kunsttheoretischen Diskurses und trotzdem nicht trocken-analytisch, sondern virtuos und fesselnd sein kann, durfte das ImPulsTanz-Publikum gestern im Akademietheater erleben: Chris HaringStephanie Cumming und Palle Dyrvall gestalteten mit Körperbotschaften aus einer technisierten Welt einen Abend, der zu den Highlights des diesjährigen Festivals gezählt werden darf.

die presse, 26.07.2004

Auf Abwegen, in den Orbit, am Rand / Irene Stelzmüller

[…] Chris Haring, einer der originellsten heimischen Choreografen, wurde mit raffinierten Videotanz-Performances bekannt. Auch in “Diese Körper, diese Spielverderber“ ging es um Verschränkung von konkreter und virtueller Realität, um Science-Fiction und den menschlichen Körper als kybernetische Landschaft. Dabei stellte er sich und Stephanie Cumming als kreidebleiche Körper, die offensichtlich Mister Frankenstein sehr nahe stehen, in den Mittelpunkt. Sie versuchten, ihren Körpern eine einheitliche Bewegungssprache zu verpassen, gingen dafür eine flüchtige Symbiose ein. Das konstruierte Wesen – ein Doppelorganismus, der einem kafkaesken Käfer glich – war nicht überlebensfähig: Trotz gemeinsamer Atmung strebten die Extremitäten in gegensätzliche Richtungen, somit war der Zerfall vorprogrammiert, das Menschliche trat wieder in den Vordergrund. Kreativer Höhepunkt: die Lichtgestaltung von wandernden Lichtlinien und Leuchtpunkten, die quasi in den Orbit entführten. […]

[…] Ein mit sich selbst im Widerstreit liegender Doppelorganismus, ein hermaphroditischer Gecko, taucht auf und teilt sich in zwei gierige Körperjunkies, süchtig suchend nach realer Existenz. Reminiszenzen an Platons Symposium: Als die Menschen Kugeln waren, bis sie zerschnitten wurden, weil sie zu hochmütig wurden.

Die technisch erzeugte Welt steht da plötzlich für den archaischen Kosmos, an den wir durch Projektion wiedererinnert werden. Nur wollen unsere Junkies jetzt selber darin wohnen, sie wollen selber ihre tragisch-spitze existentialistische Lichttür verlassen und sanft auf die perfekte Kreisbahn einschwenken. Übrig bleiben nur ihre atmenden Konturen, Lichtlinien auf dem Grat ihrer Schultern und Arme. Wie im Conturismo – die Verliebtheit in den Umriss, der für die “reine Idee” steht.

Zuvor war sie ja gestanden, wie eine restlos narzisstische, einsame Statue ihrer selbst, mit gequält begehrlichen Augen gegen den Beamerhimmel gerichtet. Es ist eine seltsame Wiederkehr der ausfließenden Gallertaugen El Grecos in einem so anderen, künstlichen Licht. El Greco – El Gecko.

Was ist nun die Droge? Der Körper, der uns als unwillkommener Restwiderstand in der schönen neuen virtuellen Welt zu beschweren schien oder das körperlose Licht der Projektionsmaschine?

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