stranger than paradise

Im Tanz werden die Körper politisch, zugleich wird das Politische poetisch. In Stranger Than Paradise wird dieses doppelte Spiel mit außerordentlicher Konzentration betrieben. Der Titel der Produktion ist einem Road-Movie entliehen, das nicht ästhetisch oder narrativ, nur atmosphärisch Pate stand. Der Regisseur und Autor Jim Jarmusch zeichnete 1984 in Stranger Than Paradise die tragikomische Koexistenz dreier einsamer Figuren als Choreografie winterlicher Verlorenheit nach: entkräftete Körper in weiten, leeren Räumen, in „posthumanen“ Szenerien. Die Idee des Urban Cool,  die Jarmusch in die Schneelandschaften Clevelands transferiert, wird von Liquid Loft in eine Reflexion der Erweiterung menschlicher Kapazitäten übersetzt: in das Mechanische, das Animalische, auch das „Monströse“ einer tier-menschlichen Existenz. 

Der Körper ist ein Auslaufmodell; noch wird er gebraucht, aber die Zurüstungen für seine Abschaffung laufen – und rufen Melancholie, Abschiedsmanöver wach. Im sphinxischen Schillern der TänzerInnen ist die alte Utopie der Gleichberechtigung der Wesen versteckt. Die Auseinandersetzung mit dem humanimal wirft Fragen der Teilung und der Verdoppelung auf. Ist das Bild, das der Spiegel produziert, eine Addition oder eine Division? Teilt er die Ansicht, die sich ihm bietet, oder doppelt er sie? 

Modifikation und Infektion liegen nah beieinander: Wir sind Biomaschinen, elektronisch verbessert, aber biologisch gefährdet. Nur die Technologisierung, die Synthese von Fleisch und Mechanik kann uns sichern: Die Illusion des Menschlichen, die in dessen perfekt nachgebauten Oberflächen steckt, täuscht über das Artifizielle der neuen Spezies hinweg. Wir werden uns an sie, also an uns gewöhnen. 

Stefan Grissemann

 

30.01.2021

Tanzquartier Wien, AT

29.01.2021

Tanzquartier Wien, AT

28.01.2021 (premiere)

Tanzquartier Wien, AT

dates

Tanz, Choreografie: Luke Baio, Stephanie Cumming, Dong Uk Kim, Katharina Meves, Dante Murillo, Anna Maria Nowak, Arttu Palmio, Hannah Timbrell
Künstlerische Leitung, Choreografie: Chris Haring
Soundkonzept, Komposition: Andreas Berger
Lichtdesign, Szenografie: Thomas Jelinek
Videoproduktion, Kamera: Michael Loizenbauer
Kamera: Kurt van der Vloedt (Artvan)
Kostüme: Stefan Röhrle
Ausstattung: Liquid Loft
Stage Management: Roman Harrer
Internationale Distribution: APROPIC – Line Rousseau, Marion Gauvent
Company Management, Produktion: Marlies Pucher

Arrangements von Andreas Berger, zusätzlich verwendete bzw. bearbeitete Musik: Penelope Trappes – The Hair Shirt, Eurythmics – Aqua.

Eine Produktion von Liquid Loft in Kooperation mit dem Tanzquartier Wien. Liquid Loft wird gefördert von der Kulturabteilung der Stadt Wien und vom Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport.

credits